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Agent Orange

eine Kämpferin für Gerechtigkeit und der Prozess gegen Chemiekonzerne

Es wurde in Deutschland entdeckt, jahrzehntelang verheimlicht, verharmlost und über den ganzen Erdball verteilt:

Dioxin steht in Paris vor Gericht.

Die fast 79-jährige französisch-vietnamesische Frau Tran To Nga klagt in Paris gegen 26 multinationale Chemieriesen; neben anderen Konzernen stehen auch  Bayer und BASF vor Gericht. Der Vorwurf an die gesamte Chemieindustrie ist es, seit den Fünfzigerjahren gewusst zu haben, wie gefährlich TCDD (Tetrachlordibenzodioxin, eine chlorhaltige, hochgiftige organische Verbindung) ist, aber dieses Wissen aus Profitgier unterdrückt und verheimlicht zu haben. 1966 wurde Tran To Nga Opfer des Giftes, als sie im Widerstand auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad (ein während des Indochinakriegs und des Vietnamkriegs genutztes logistisches Netz aus Straßen und anderen Verkehrswegen) als Lehrerin zur Unterrichtung von Kindern tätig war: “Ich bin die Einzige, die diese Firmen in Frankreich anklagen kann!", sagt sie. Denn nur französische Staatsangehörige, die selber Opfer von Agent Orange geworden sind, können Klage in Frankreich einreichen. Noch 40 Jahre nach dem Leben im Agent-Orange-Dschungel wurden bei ihr erhöhte Dioxin-Werte gemessen.

Bis es zum Prozess am 25. Januar 2021 (das Urteil wird für den 10. Mai erwartet) kam, dauerte es sechs Jahre: Frau Tran stellte 2014 erstmals gegen die amerikanischen Chemiegiganten Dow Chemical und Monsanto Anzeige. Sie hat Angst, das Ende ihres Prozesses nicht mehr zu erleben; sie leidet an Herzproblemen, Diabetes, Knoten im ganzen Körper, Brustkrebs und einer Blutkrankheit. Die Anwälte der Unternehmen verzögern das Verfahren hingegen mit immer neuen Anträgen.

Agent Orange

ist ein giftiges Entlaubungsmittel (eine Dosis von 0,000001 Gramm reicht, um ein Kleintier innerhalb kurzer Zeit zu töten), das während des Vietnamkriegs (1955 bis 1975) in Vietnam, Laos und Kambodscha von der US-Armee versprüht wurde. Das Unkrautvernichtungsmittel verursacht auch heute noch Opfer: über drei Millionen Opfer in vier Generationen, die u. a. an Totgeburten, Fehlgeburten, Missbildungen (Kinder ohne Augen, ohne Nase, Kinder mit Wasserköpfen und Gesichtsspalte etc.) und Krebs leiden, bis heute. Unter den qualvoll Verstorbenen sollen sich mindestens 150.000 Kinder befunden haben.

Die amerikanischen Veteranen, die Opfer von Agent Orange wurden, erhoben 600 Sammelklagen, bei denen Schadensersatzforderungen von 45 Milliarden Dollar befürchtet wurden. Um Gerichtsurteile zu vermeiden, kam es zu einem Vergleich, in dem die amerikanischen Opfer  mit über 197 Millionen Dollar entschädigt wurden. Die Chemiefirmen waren glücklich: Sie ließen sich im Vergleich bescheinigen, dass sie nicht für die Leiden der Veteranen verantwortlich seien. Die Gesundheitsschädlichkeit von Dioxin wurde nicht verhandelt. Die vietnamesischen Opfer hingegen sind bis heute nicht als solche anerkannt. Die vietnamesische Regierung war lange Zeit kaum daran interessiert, die USA an Entschädigungen zu erinnern. Gute Wirtschaftsbeziehungen waren wichtiger, vor allem aber wollte man die Öffentlichkeit nicht daran erinnern, dass Obst, Fisch und andere exportierte Lebensmittel made in Vietnam möglicherweise dioxinbelastet sind.

Obwohl ein Unfall bei BASF

vor 67 Jahren, im Jahr 1953 zeigte, dass TCDD hochgiftig ist, hielt die Chemieindustrie diesen Unfall geheim. Boehringer Ingelheim, das größte forschende Pharmaunternehmen in Deutschland (auch zuständig für andere Skandale, siehe Wikipedia) war Lieferant von 720 Tonnen Trichlorphenolatlauge, die zur Herstellung von Agent Orange diente. Mitglied der Geschäftsführung von 1962 bis 1966 war Richard von Weizsäcker, ehemals Bundespräsident, der in dieser letzten Rolle zum Nationalheiligen wurde. Ob er von der Giftigkeit des Produkts gewusst hat? Niemand weiß es. Boehringer Ingelheim jedenfalls wusste von schädlichen Wirkung von AO. Firmenchef Ernst Böhringer untersagte Mitte der Fünfzigerjahre, ärztliche Erkenntnisse über die Gefährlichkeit von Dioxin zu veröffentlichen (und auch Heinrich Lübke, Vorgänger von Julia Klöckner im Landwirtschaftsministerium und später Bundespräsident, verbot es). Boehringer Ingelheim lieferte von 1967 bis 1984 auch in die USA die Substanz, von der der Konzern und die amerikanische Seite wussten, dass sie hochgiftig ist. Herr Böhringer freute sich über den Großauftrag: "Solange der Vietnamkrieg andauert", hieß es in einem Schreiben an den Produktionschef, "sind keine Absatzschwierigkeiten zu erwarten."

Die Hintergründe des lange streng geheim gehaltenen Chlorakne-Skandals und der Manipulation von Studien (über die Folgen der Dioxin-Unfälle 1949 bei Monsanto in Nitro (USA) und 1953 bei der BASF in Ludwigshafen), um die Gefahren hochgiftiger Stoffe über Jahrzehnte zu vertuschen, sind nun erstmals weltweit einsehbar. Die Dokumente finden sich in den "Poison Papers", also in den Gift-Papieren einer öffentlich zugänglichen Datenbank mit rund 20.000 Akten über die Chemieindustrie, veröffentlicht von amerikanischen Umweltaktivist*innen. Die Papiere, Briefe und Telegramme des Dioxin-Kartells  erzählen von wachsenden Ängsten und schwindenden Skrupel. Die Firma Boehringer Ingelheim, in den Fünfzigerjahren Initiator des großen Schweigens, arbeitet seit über 40 Jahren daran, sich zumindest auf dem ehemaligen Gelände ihrer Hamburger Fabrik dem Zustand von "No Dioxin" anzunähern. Alle Versuche, das Ultragift aus dem Boden zu bekommen, scheiterten: das Zeug zerfraß die Entsorgungsanlage "Prometheus" (netter Name! In der griechischen Mythologie war Prometheus von Zeus an einen Felsen gefesselt: zu ihm kam jeden Tag ein Adler, um von seiner Leber zu fressen, die über Nacht wieder nachwuchs) und wurde schließlich mit einer kilometerlangen Betonwand unterirdisch eingekapselt. Kosten der Schadensbegrenzung bisher: mehr als 160 Millionen Euro. Bis zum Jahr 2055 soll das vergiftete Grundwasser durch zusätzliche Brunnen gereinigt und bis 2095 überwacht werden. Die "Poison Papers" enthüllen das Zusammenspiel von Industrie, Politik und US-Militär.

Millionen von Tonnen hochgiftiger Herbizide  wurden versprüht,100 tausende Hektar (1 Hektar = 10.000 m²) Wald wurden in Vietnam, Laos und Kambodscha zerstört ebenso wie Felder verseucht wurden, damit sie keine Nahrungsmittel mehr liefern konnten. Am 7. Januar 1971 stieg zum letzten Mal ein Sprüh-Flugzeug in den Himmel über Vietnam. Erst durch millionenfaches Leid konnte das Schweigen gelüftet und die Produktion des Giftstoffes gestoppt werden. Die verheerenden Folgen reichen bis in die unmittelbare Gegenwart: bis heute werden schwerbehinderte Babys geboren. Contergan, Asbest, PCB, DDT - auch deren Auswirkungen sind gesellschaftliche Kollateralschäden mangelnder Risikobetrachtung von Unternehmen.

It's the money, stupid!