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Julia Klöckner

Julia Klöckner ist seit 2018 Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft und, kommend aus einer Winzerfamilie, war 1995 Deutsche Weinkönigin. Sie versteht sich als Vertreterin der Bauer und der Konzerne: wie sonst ist zu erklären, dass sie sich in ihrer Amtszeit (am 14. März waren es gerade einmal zwei Jahre) mindestens 25 Mal zu Einzelgesprächen mit Lebensmittelkonzernen wie Nestlé und Mars, mit Leuten von Bayer, und den Milchwerken Berchtesgadener Land, mit Entscheidungsträgern der Megadiscounter Aldi, Lidl, Rewe und Edeka sowie mit Vertretern der klassischen Agrar-, Fleisch- und Ernährungswirtschaft getroffen hat, aber nur fünf Mal mit Vertreter*innen von Organisationen wie dem Bund ökologische Landwirtschaft? Von  den Verbänden bekam der Deutsche Bauernverband mit drei Einzelgesprächen die meisten Termine. Mit dem Chef der deutschen Nestlé-Tochter...

Erst einmal weiter ausholen:

Nestlé ist der Konzern, in dessen Fertignudeln namens "Maggi" 2015 in Indien bedenklich hohe Blei-Konzentrationen auftraten. Es ist der Konzern, der in den 70er und 80er Jahren Milchpulver an Mütter in Afrika verteilen ließ, denen aber nur verseuchtes Wasser zur Verdünnung zur Verfügung stand, weshalb viele Kinder starben. Nestlé, das ist der Konzern, der 2008 in China durch ein Tochterunternehmen verunreinigtes Milchpulver auf den Markt gebracht hatte: rund 300.000 Kinder kamen in Krankenhäuser, sechs starben. Nestlé ist verantwortlich für Müllberge durch Kapselkaffee ‑ jede vierte Kapsel in Deutschland stammt von Nestlé ‑, Nestlé ist der Konzern, der weltweit Wasserrechte gekauft hat, z. B. in Pakistan, wo deshalb der Grundwasserspiegel bereits gesunken ist.

Zurück zum Thema:

mit dem Chef der deutschen Tochter dieses sauberen Konzerns also hat sich unsere Ernährungsministerin in einem Video präsentiert, in dem dieser Typ für seine Fertigprodukte kostenlos warb und das auch noch auf dem offiziellen Twitter-Kanal des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft.  Das Kurz-Video beginnt witzig. Es erklärt Frau Klöckner "Essen und Trinken ist wichtig, aber die Frage ist: ist es mit unserer Umwelt gut vereinbar...". Bitte? Essen und Trinken lieber lassen? Das geht dann ja schneller zu Ende als mit Corona... (1,2)

Frau Klöckner spielt auch eine nicht gerade rühmliche Rolle in diesen Corona-Zeiten. Mitte März erwog sie den Einsatz auf den Feldern der Bundesrepublik von derzeit beschäftigungslosen Köch*innen und Kellner*innen, dann (zeitlich befristet je nach Gemüse- und Früchte-Saison) von Asylbewerber*innen, von Kurzarbeitende (Erzieherinnen?) und Arbeitslosen und von Selbstständigen in Kleinstbetrieben, die derzeit keine Einkünfte erzielen. Wütend wurde Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Die Landwirtschaft müsse für die schwere Arbeit bessere Lohn-, Arbeits- und Unterkunftsbedingungen anbieten, dann ließen sich Arbeitskräfte gewinnen (3). Ein wahres Wort. Wofür der Erntehelfer 130 € bekommt, soll vom Spargelbauer für 2.500 € weiterverkauft werden (aus der Erinnerung im Rahmen eines analogen Abonnements von "DIE ZEIT" Nr. 17/2020, 16. April 2020, " Wer rettet den Spargel?").  Wenn die Erinnerung so stimmt, ist da noch mächtig Luft nach oben.

Frau Klöckner hat schließlich durchgesetzt, dass ‑ entgegen des ursprünglichen Verbots des Innenministeriums ‑ 80.000 ausländische Saisonkräfte für die Ernte von Spargel, Rhabarber & Co. aus Osteuropa, z. B. per Sonderflug aus Rumänien nach Deutschland gebracht werden. Corona hin, Corona her. Der Skandal, auch wenn Frau Klöckner dafür diesmal nichts kann: bisher wurden nur 47 (in Worten: siebenundvierzig) minderjährige unbegleitete Flüchtlinge aus den grauenvollen griechischen Lagern, in denen das Coronavirus sich ausbreitet, nach Deutschland gebracht.

Dass Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, aus ihrem inkriminierten Werbefilmchen mit der Firma Nestlé (2019) nichts gelernt hat, zeigt sich wieder in 2020. In einer Ausstrahlung (auf bild.de) am Sonntag, 3. Mai 2020, kochte sie vor der Kamera mit "Starkoch" Johann Lafer (ist eigentlich jeder, der außerhalb seiner eigenen Küche kocht und irgendwie in die Medien kommt, ein Starkoch?) ein Drei-Gänge-Menü (Rucola-Salat mit gebackenem Ei,  gefüllte Frikadellen mit Kartoffelpüree und Gemüse, Erdbeeren mit Apfelschaum), um zu zeigen, wie vier Personen für unter 25 Euro ein "ausgewogenes" Menü kochen können und dabei satt werden. Weil man ja von alleine nicht drauf käme. Sie will Familien in der Corona-Krise helfen, sich gesund zu ernähren (die ja sonst, wie man weiß, überwiegend Hartz-IV-Empfänger sind und bekanntermaßen nur Pommes essen und Bier trinken, zuckerhaltige Limonade für die Kinder). Aber darum geht es nicht. Es geht darum, dass das Ganze von der Supermarktkette "Kaufland" finanziert wird, womit eine Verflechtung von Wirtschaft und Politik gegeben ist.

Der Satiriker Beisenherz teilte einen Beitrag, in dem genauer in den Einkaufswagen von Lafer geschaut wird: Der Koch zieht durch die "Kaufland"-Gänge und legt Zutaten in den Einkaufswagen, von denen keines Bio-Merkmale aufweist; das Fleisch stammt sogar von Tieren, die unter der niedrigsten Haltungsnorm aufgezogen wurden. Natürlich wusste unsere offenbar uninformierte und naive Ernährungsministerin bei diesem Sponsoring von nichts. Außerdem halten Lafer und Klöckner bei der fröhlichen Sendung nicht den erforderlichen Corona-Mindestabstand von 1,5 Meter[4]. Die Polizei soll nicht eingeschritten sein.

Ach, Julia, warum hast Du Dich nicht mit dem Titel der Weinkönigin begnügt, wo Du als Wein-Barbie strahlend werben konntest und es keinen A... interessiert hat.