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Filz und Klüngel in der Ernährungsindustrie - ein Lobbyparadies in der Agrarwirtschaft -

Unrühmlich: im gesamten Agrarausschuss des Deutschen Bundestages überwiegt der Anteil derer, die keinen engeren Bezug zur Landwirtschaft aufweisen. Rühmlich: keine andere Partei weist eine so große Nähe zum Agrarsektor auf wie die Vertreter*innen der CDU/CSU. Man solle also meinen, dass sie wissen, was sie tun. Alles was in Berlin in den Fragen Tierschutz, Glyphosat, Düngemitteleinsatz geregelt wird, geht durch diesen Ausschuss. Unrühmlich: viele CDU/CSU-Abgeordnete (nicht vergessen: Volksvertreter*innen) aus dem Agrarausschuss besetzen gleichzeitig Posten in Agrarfirmen und Finanzkonzernen. Abgeordnete, die neben ihrem Bundestagsmandat Lobbytätigkeiten übernehmen, sind verpflichtet, bestimmte Interessen zu vertreten (nicht unbedingt die des Volkes) und werden dafür auch bezahlt[1]. Wie kann da unabhängig entschieden werden, nämlich im Namen des Volkes?

Die gleichen Wissenschaftler*innen, die an den entscheidenden Stellen für den Durchbruch der Agro-Gentechnik arbeiten, haben auch wichtige Funktionen bei der EU-Lebensmittelbehörde EFSA. Das ist die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Führende Mitarbeiter*innen arbeiten eng mit der Industrie zusammen und sind für große Lebensmittelunternehmen wie Nestlé, KraftFoods oder Unilever tätig, die sie andererseits zu kontrollieren haben. In der EFSA sitzen also Vertreter genau derjenigen Branche, deren Produkte kontrolliert werden sollen[2]. Unabhängig?

Auf  rund 100 der 4.300 Seiten des Schlussberichts der EFSA aus dem Jahr 2015 hatte sich die EFSA für eine Verlängerung der Zulassung von Glyphosat ausgesprochen. „Die Kapitel im EFSA-Bericht über die bisher veröffentlichten Studien zur Wirkung von Glyphosat auf die menschliche Gesundheit sind quasi Wort für Wort von einem Monsanto-Bericht aus dem Jahre 2012 übernommen“, schrieb die italienische Zeitung „La Stampa“. Damals hatte der US-Chemiekonzern - mittlerweile in Besitz des deutschen Bayer-Konzerns - im Namen des Konsortiums „Glyphosate Task Force“ den Bericht eingereicht.

Die EU-Kommission sagte aber nein, nein, nicht die EFSA habe Textbausteine aus dem Monsanto-Bericht kopiert, das sei Deutschland gewesen und die EFSA habe die Textbausteine aus dem Bericht aus Deutschland kopiert[3]. Jeder zeigt mit dem Finger auf den anderen, "ich war's nicht, der da war's", und tut so, als ob er vollkommen im Recht wäre. So etwas kannten wir aus Kindergartenzeiten, als diese noch geöffnet waren. Immerhin wurde bei der Evaluierung von EFSA in 2012 empfohlen, die Verbindungen zwischen EFSA und Industrie transparenter zu kommunizieren, die internen Abläufe im Zusammenhang mit Interessenserklärungen zu überprüfen sowie mit Kritik an der Unabhängigkeit besser umzugehen. Über die Evaluation in 2018 ist in den Suchmaschinen nichts auf deutsch zu finden, lediglich verwirrende englische Hinweise[4].

Hauptaufgabe der EFSA im Gentechnikbereich ist die Zulassung von gentechnisch veränderte Pflanzen zur Verwendung als Saatgut, Lebens- oder Futtermittel. Ist eine Pflanze zugelassen, kann sie ohne weitere Rechtshürden angebaut und verbreitet werden.

Unglücklicherweise ist die EFSA alles andere als unabhängig und stark mit Gentechnikinteressen verwoben - ganz ähnlich dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und der US-amerikanischen FDA 9.

So saßen oder sitzen etliche der in deutschen Seilschaften verstrickten Mitarbeiter*innen der Gentechnikbehörden auch in der EFSA. Obwohl 78 bis 90 Prozent der Bevölkerung die Agro-Gentechnik ablehnen, sitzen aus Deutschland ausschließlich Befürworter*innen in der EFSA-Gentechnikgruppe. Alle zwölf bisher von der EFSA verfassten Gutachten über gentechnisch veränderte Organismen (GVO) fielen zugunsten der Biotech-Industrie aus. Einige der Mitglieder der EFSA haben direkte oder indirekte Verbindungen zur Biotech-Industrie und treten zum Beispiel in einem Informationsvideo der Biotech-Industrie auf. Kritische Stimmen werden zwar angehört, spielen jedoch keine Rolle in den Konsultationsverfahren[5].

Als der genetisch veränderte Mais MON810[6] in Deutschland im Jahr 2007 kurzzeitig verboten war, forderte ausgerechnet der (damalige) oberste Verbraucherschützer zu diesem Thema, Hans-Jörg Buhk, die Rücknahme des Verbots - erfolgreich. Als ein Jahr später die französische Regierung die Pflanze verbot, bemühte sich auch dort ausgerechnet die Verbraucherschutzbehörde, das Verbot zu verhindern. Ebenso handelte die europäische Verbraucherschutzbehörde EFSA. Diese Phalanx aus Gentechnikbefürworter*innen im Verbraucherschutzpelz zeigte sich auch bei Kartoffeln.

Während die Europäische Behörde für Arzneimittelsicherheit EMEA eine kritische Einschätzung zum Einsatz des Antibiotika-Markers in der BASF-Gentech-Kartoffel Amflora und zu möglichen Resistenzproblemen für Menschen abgab, versicherte die EFSA wie üblich: Keine Risiken. Marie-Monique Robin, Autorin des Films "Monsanto. Mit Gift und Genen", sagte dazu: " 80 Prozent der Wissenschaftler dort arbeiten für Monsanto und andere Saatguthersteller wie Syngenta oder Bayer CropScience. Ich habe mit zwei französischen Abgeordneten gesprochen, die ihren Unmut auch in der Zeitung Le Monde veröffentlicht haben. Sie sagen, der politische Druck, die Zulassung der GVO umzusetzen, sei unerträglich. Da geht es nicht nur um normale Lobbyarbeit, sondern auch um Bestechung und all diese Dinge"[7].

So ist es kein Wunder, wenn trotz der Tatsache, dass die Auswirkungen und negativen Folgen der vermeintlich modernen Landwirtschaft deutlich zugenommen haben und die Erkenntnisse zum agrarstrukturellen Wandel, Rückgang der Biodiversität, zu Nitratbelastungen der Gewässer und klimaschädlichen Emissionen sowie zu Erfordernissen einer artgerechten Tierhaltung mehr als eindeutig und vielfach dokumentiert sind, es in vielen Bereichen der europäischen und deutschen Agrar-und Umweltpolitik kaum Fortschritte zur Lösung der drängenden Problemlagen gegeben hat. Bemühungen um Reformen und Anpassungen in der Agrar-und Umweltpolitik sowie in der landwirtschaftlichen Praxis werden systematisch von Interessenvertreter*innen verhindert oder deutlich verwässert. Die Ergebnisse am Ende von Verhandlungen zu politisch-rechtlichen Rahmensetzungen und Förderprogrammen stehen häufig im Widerspruch zu den ursprünglichen Ansätzen, Vorschlägen und v.a. wissenschaftlichen Fachempfehlungen. Wurscht! Beispiele hierfür sind die bundesdeutsche Düngemittelverordnung in 2017 (nach einem Urteil des EuGH nachgebessert zur Umsetzung Mai 2020, wegen Corona aber verlängert bis Ende 2020 - es gibt immer einen Grund), das Greening in der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union (EU) oder die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln. Die Richtschnur des politischen Handelns orientiert sich anscheinend immer noch an einer Vermeidung von Belastungen für die Landwirtschaft und (nur) vordergründig an einer Sicherung der landwirtschaftlichen Einkommen[8].

Das Greening bedeutet, dass ein landwirtschaftlicher Betrieb in Deutschland über die sogenannten "ersten Säule" der EU-Agrarförderung Geld als Basisprämie pro Jahr und Hektar erhält. Zusätzlich bekommen alle auch die sogenannte Greening-Prämie je nach Größe des Betriebes (je größer der Betrieb, desto mehr Kohle). In Deutschland erhält nach Auskunft des Bundeslandwirtschaftsministeriums jeder landwirtschaftliche Betrieb, der die Basisprämie erhält, auch die Greening-Prämie. Um die Prämie zu erhalten, muss ein landwirtschaftlicher Betrieb, der mehr als 15 Hektar Ackerfläche hat, seit 2014 auf 5 Prozent seiner Fläche sogenannte ökologische Vorrangflächen einrichten. Das können aber auch Blühstreifen und Baumreihen sein. Und es bringt nichts für die Umwelt. Die Blühstreifen höchstens für ein paar Insekten, wenn aber Landwirte Maisstoppeln nach der Ernte nicht stehen ließen, sondern dort eine Winterfrucht einsähen würden, "dann ist das kein Greening, sondern dann ist das Standard. Das ist gute fachliche Praxis." Zusätzliche Leistungen für die Umwelt könne er nicht erkennen, sagte Prof. Friedhelm Taube, Agrarwissenschaftler von der Universität Kiel[9].

Alle wesentlichen Gruppen des Agribusiness als auch spezifische Verflechtungen u. a. zur Finanzwirtschaft und Agrochemie weisen eine enge Verzahnung zum Deutschen Bauernverband (DBV) auf. Verbindungslinien in die Politik und die Agrarausschüsse des Deutschen Bundestages und des Europäischen Parlaments (EP) gelingen durch eine starke Verknüpfung zu Abgeordneten der CDU/CSU und der Europäischen Volkspartei (EVP). Über die Hälfte ihrer Ausschussmitglieder, vornehmlich aus CDU/CSU, hat mindestens auf einer Organisationsebene des Bauernverbandes ein Amt übernommen. Insgesamt betrachtet gibt es im Agribusiness und in der Agrarpolitik eine vergleichsweise kleine Gruppe an Akteuren, die wesentliche Schlüsselpositionen unter sich aufteilen. Diese Multi-oder Vielfachfunktionäre stammen in erster Linie aus den Spitzen des DBV und seiner Landesverbände. Die Funktionäre haben Posten in Fleischfirmen, sie sitzen in Firmen, die Düngemittel herstellen oder auch Pestizide, sie haben ihre Leute in den Agrarausschüssen der Landtage und des Bundestags. Gleichzeitig weist die breite Palette an ausgeübten Funktionen der DBV-Vertreter*innen auf Konflikte in der breiten Wahrnehmung von verschiedenen Partial-und Sonderinteressen hin. Die verfolgten Ziele und Interessen von Unternehmen aus der Finanz-oder Agrar-und Ernährungswirtschaft dürften kaum in Einklang mit denen einer bäuerlichen Landwirtschaft stehen. Ausgesprochen lesenswert ist die 70seitige Studie des NABU (Fußnote 8).

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat die Aufgabe, sich um die Verbraucher*innen und ihre Interessen gegenüber Staat, Konzerne und anderen zu kümmern. Das tut es aber nicht. Vielmehr ist es so, dass das BVL alle Anträge auf gentechnische Nutzungen genehmigt hat. Etliche Beamte stellten sich in internen Schreiben uneingeschränkt hinter die antragstellenden Konzerne und Forschungseinrichtungen. Filz, Steigbügelhalter, Interessenkollision? der bereits genannte Professor Hans-Jörg Buhk, damaliger Leiter des Zentrums für Gentechnologie, dem auch die „Zulassungsstelle Gentechnik“ unterstand, und sein damaliger Stellvertreter Detlef Bartsch waren sich nicht zu blöde, um in einem Werbefilm für Genmais aufzutreten, der im Auftrag von sechs großen Gentechnik Firmen produziert wurde. Sie machten also Werbung für derjenigen Firmen, deren Anträge sie an anderen Arbeitstagen (ohne die notwendigen umfangreichen Prüfungen) durchwinkten. Der ehemalige langjährige Leiter Herr Buhk meinte, die Ängste, die viele Mitbürger in Bezug auf gentechnisch veränderte Organismen hätten, kämen "aus dem Bauch" und seien oft durch fehlendes Wissen hervorgerufen[10]. Stupide Masse eben.

In seiner Broschüre "Die Grüne Gentechnik. Ein Überblick" (3. Auflage 2010) schreibt der BVL dann auch eindeutig über Gentechnik: "... dass diese Technologien umso eher eine Anwendung finden werden, je höher ihr wirtschaftlicher Nutzen ist...", und "... Die kommerziell betriebene Pflanzenzüchtung – einschließlich jener mit Unterstützung biotechnischer Methoden – verfolgt in einer Marktwirtschaft zunächst und überwiegend das Ziel, Unternehmensgewinne zu steigern..". Interesse der Verbraucher*innen? Pah! It's the economy stupid!

Seit Dezember 2019 hat das BVL einen neuen Präsidenten, Friedel Cramer. Er kommt aus dem Landwirtschaftsministerium und war dort als Referatsleiter der für Pflanzenschutz und den Fall Glyphosat zuständige Beamte und unter anderem für die pflanzenschutzrechtlichen und fachlichen Angelegenheiten des BVL sowie des Julius Kühn-Instituts und des Bundesinstituts für Risikobewertung zuständig[11]. Her Cramer ist bekannt als Gegner strenger Auflagen für Pflanzenschutzmittel, hat aber hingegen keine Qualifikation bezüglich der wichtigen Lebensmittelsicherheit. Die Bundesministerin Klöckner erweckt öffentlich den Anschein, verantwortlich mit Pestiziden umgehen zu wollen, stellt das BVL aber personell so auf, dass dessen Hauptaufgabe der Kampf gegen Umweltauflagen ist[12].  Unser Friedel ist auch international gut vernetzt. In Rom hatte er mehrere Jahre das Referat „Ernährung und Landwirtschaft“ bei der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, d. h. Welternährungsorganisation) geleitet.

Zusammengefasst rankt sich rund um die zentralen Behörden eine unübersichtliche Ansammlungen von Berater*innen, Gutachter*innen, von Beratungsgremien und externen Sachverständigen, zum Teil mit zentraler Bedeutung in den Entscheidungen um Gentechnik. Der Bundestag teilte in seiner Drucksache[13] in 2012 mit , wer alles für was zuständig ist und mit wie vielen Beschäftigten:

  • im BfR (Bundesinstitut für Risikobewertung) 39 wissenschaftliche Bedienstete u. a. im Leitungsbereich für die Risikobewertung im Bereich GVO, Pflanzenschutzmittel sowie für Lebensmittelzusatz- und Verarbeitungshilfsstoffe
  • Im BVL sechs Wissenschaftler*innen ausschließlich hauptamtlich für die Risikobewertung auf Bundesebene im Bereich GVO
  • Im JKI(Julius-Kühn-Institut)  ein Wissenschaftler mit der Bewertung der Risiken von Pflanzenschutzmitteln für Honigbienen
  • Im UBA (Umweltbundesamt) 42 Mitarbeiter*innen mit wissenschaftlichem Hochschulabschluss für die Risikobewertung von Pflanzenschutzmitteln (mit Fokus auf die Umweltwirkung )
  • BfN (Bundesamt für Naturschutz); dieses ist bei  Zulassungsverfahren zum Inverkehrbringen und zu Freisetzungen von GVO, samt Risikobewertung, beteiligt (neun Bedienstete im zuständigen Fachgebiet)
  • RKI (Robert-Koch-Institut); dieses ist in die Sicherheitsbewertung von GVO im Rahmen von Freisetzungen und Inverkehrbringen einzubeziehen. Hier befassen sich zwei Personen mit der naturwissenschaftlichen Bewertung von GVO.

Dann gibt es noch das ZKBS (Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit), das u. a. gentechnisch veränderte Organismen auf Risiken für Menschen, Tier und Umwelt prüft und Stellungnahmen dazu abgibt. Das Votum der ZKBS wird von der BVL als Genehmigungsbehörde regelmäßig übernommen. Oder die BVL schreibt eine Stellungnahme für das ZKBS gleich selbst (Synergieeffekte!), das vom ZKBS als eigene an die BVL durchgewunken wird. Aufgebaut wurde das ZKBS übrigens durch vehemente Verfechter der Gentechnik [14].

Oder Firmen wie "Innoplanta". Innoplanta betreibt Öffentlichkeitsarbeit zur Förderung der Akzeptanz der Pflanzenbiotechnologie in der Bevölkerung sowie zur Präsentation Deutschlands als optimaler Standort für alle wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Aktivitäten im Bereich der Pflanzenbiotechnologie. Der Gründungspräsident von Innoplanta, der CDU-Politiker Thomas Leimbach, war von 2004 bis 2011 Präsident des Landesverwaltungsamts Sachsen-Anhalt und damit Chef der Kontrollbehörde, die für Innoplanta zuständig ist.  Innoplanta war an der Finanzierung des im November 2006 eröffneten "Grünen Labors" beteiligt: das ist eine Einrichtung, in der Schüler*innen die "Grüne Gentechnik" nahe gebracht und so Akzeptanz geschaffen werden soll[15]. Gehirnwäsche bei den ganz Jungen?. Innoplanta ist auch Mitglied der Initiative "Green Gate Gaterleben" , zu der als weitere Partner u. a. die Bayer AG (Stichwort Monsanto), die Saaten Union Biotec GmbH und die Trait Genetics GmbH gehören. Einer der Vereinsvorstände ist  Beisitzer des FDP-Kreisvorstands Harz, im Beirat sitzt ein ehemaliger Wirtschaftsminister des Landes Sachsen-Anhalt, ein Mitglied der Arbeitsgruppen der Europäischen Behörde für Lebensmittelaufsicht EFSA, der Präsident des Landesbauernverbands Sachsen-Anhalt und der Leiter des Instituts für die Sicherheit biotechnologischer Verfahren bei Pflanzen am Julius-Kühn-Institut.[16]

Das Julius Kühn-Institut (JKI) seinerseits ist das Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen und hat bundesweit jede Menge Institute und auch jede Menge Aufgaben im Rahmen des Pflanzenschutzgesetzes[17].

Nach einem Bericht vom NABU (Naturschutzbund Deutschland) aus dem April 2019 übt DBV-Präsident und Präsident des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg sowie Präsident der COPA-COGECA[18], Joachim Rukwied (alles in einer Person) ein Mandat im Aufsichtsrat der BayWa AG, ein international tätiger Handels- und Dienstleistungskonzern mit den Schwerpunkten "Agrar", "Energie" und "Bau) aus. Dabei ist er auch Mitglied in Aufsichtsrat von Land-Data GmbH (ein Softwareunternehmen, stark mit dem DBV, seinen LBV und deren Führungskräften verhaftet) und  der Südzucker AG (der größte Zuckerproduzent der Welt und einer der größten Nahrungsmittelkonzerne Deutschlands). Insgesamt hat Herr Rukwied 19 Funktionen. Wann schläft der Kerl eigentlich? So trifft es sich gut, dass die Landwirtschafts- und Ernährungsministerin es ablehnt, dass Lebensmittel mit einem hohen Zuckergehalt gesondert gekennzeichnet werden. Sie setzt auf die (immer wieder vergebliche) freiwillige Selbstbeschränkung der Industrie.

In 2016 wurde bekannt, dass Herr Rukwied in seiner Funktion als Präsident des Lobbyvereins „Forum für moderne Landwirtschaft“ unter anderem die Interessen von BASF, Bayer, Dow, Du Pont, Monsanto und Syngenta vertritt, allesamt Hersteller des Unkrautkillers Glyphosat[19].

Der feine Herr ist seit 2017 Ritter des Ordens "Mérite Agricole" (französische Verdienstorden für Landwirtschaft) und, verliehen durch den NABU, "Dinosaurier des Jahres". Er verharmlose konsequent alle Umweltprobleme, für die die industrielle Landwirtschaft die Hauptverantwortung trage – wie etwa das drastische Insekten- und Vogelsterben durch den Einsatz von Herbiziden oder die durch Dünger verursachten hohen Nitratkonzentrationen im Grundwasser. Zudem verteidige Joachim Rukwied beharrlich ein Milliarden Euro teures Subventionssystem, das zulasten von Natur, Landwirten und Steuerzahlern gehe und bekämpfe regelmäßig sämtliche Maßnahmen zur Verbesserung der Umweltbilanz der Agrarpolitik. Der Typ findet sich dabei auch noch gut: er freue sich über den Preis, weil er von vielen Berufskollegen und Mitgliedern als Auszeichnung verstanden würde[20]. Merkwürdige uralte elitäre und höfischen Sitten. Herr Rukwied war ebenfalls einer, der sich unter anderem für eine Verlängerung der Glyphosat-Zulassung um 15 Jahre stark gemacht hatte.

Überhaupt besetzen mehrere CDU/CSU-Abgeordnete aus dem Agrarausschuss zum Teil herausragende Posten in großen landwirtschaftlichen Konzernen wie Baywa, Agravis, Yara oder Crop Energy. Das ist eine Ballung von Ämtern, die es so sonst im Bundestag nicht gibt: Lediglich jeder vierte Bundestagsabgeordnete - 178 von 655 - hat im Laufe der vergangenen Wahlperiode etwas hinzuverdient[21].

Es ist kein Wunder, dass wir keinen Durchblick haben und auch nicht haben sollen. Wie seltsam ist das denn, wenn das eine (zuständige) Amt gegen die Entscheidung eines anderen (zuständigen) Amtes vor Gericht klagt, die Ministerin entscheidet, nicht in die Berufung zu gehen und nicht nur die Bienen haben das Nachsehen[22]. "Politische Entscheidungen stehen oft im Widerspruch zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, zum Beispiel zu Erkenntnissen über die Klimafolgen der Landwirtschaft, das Bienensterben oder die Grundwasserbelastung durch Nitrat; es ist ein komplexes Geflecht, aber es sind im Grunde nur einige wenige Akteure, die durch ihre Verflechtungen mit der Politik, insbesondere mit der CDU/CSU-Fraktion, in diesem Netzwerk agieren und Entscheidungen beeinflussen", sagt Guido Nischwitz, Autor der Studie vom Institut "Arbeit und Wirtschaft"  der Universität Bremen.  Der in 2017 amtierende Landwirtschaftsminister Christian Schmidt wurde 2017, nach dem Eklat um seine Glyphosat-Zustimmung, gefragt, ob er nun in den Aufsichtsrat von Monsanto wechseln wolle. Schmidt verneinte. Und sitzt jetzt im Aufsichtsrat der Deutschen Bahn - dem größten Einzelverbraucher von Glyphosat [23].

Festzuhalten bleibt, dass die gesamten Verflechtungen und Vernetzungen, Netzwerkknoten (genannt "Filz") mit institutionellen und personellen Überschneidungen (u. a. Agrochemie, Verbände, Agrarwirtschaft, Finanzen...) einen maßgeblichen und unmittelbaren Einfluss auf gesellschaftspolitische Debatten, auf Informationsflüsse sowie auf politische Willensbildungs-und Entscheidungsprozesse ausüben. Das " Forum Moderne Landwirtschaft " und die " Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie" haben die Zielsetzung, Positionen abzustimmen und „diese in der Öffentlichkeit überzeugend zu vermitteln“[24]. Wahrheitsgehalt? Egal.

Die Landwirtschaft, so wie sie bis heute betrieben wird, zerstört die Umwelt. Die Unmengen an Gülle, die Schweine und Rinder produzieren, machen große Teile des Grundwassers ungenießbar; der Einsatz von Pestiziden führt auf den Äckern dazu, dass Unkräuter resistent werden; je mehr Tiere auf engem Raum zusammengepfercht sind, desto mehr Antibiotika sind notwendig; Insekten und Vögel, ganze Arten, sterben aus, weil sie auf den monotonen Anbauflächen kaum etwas zum Fressen finden. Jeder, der am Wochenende zu einer Landpartie aufbricht (vor Corona), kann das spüren: Auf den Wiesen summt's nicht mehr so wie früher[25].

Wer nicht Selbstversorger*in werden kann (Garten, Balkon), der kaufe möglichst regional. Wir brauchen keine Erdbeeren im Winter (in diesem Sommer wegen der Erntehelferproblematik in Verbindung mit dem neuen Virus auch nicht). Um Tomaten selber zu ziehen, ist kein tiefgrüner Daumen erforderlich: Tomaten, die in Südeuropa in Nährlösungen hängen, sind rote Wassersäcke aus Plastik, die nur aussehen wie Tomaten[26]. Ein Fake.

Die Bäuerin, der Bauer, die Verbraucher*innen, die sind zu keinem Zeitpunkt gemeint. Gemeint ist Agro-Industrie und Kapital. Es geht beim Ringen um Regeln für die Produktion von Fleisch, Milch, Obst oder Gemüse um ein Milliardengeschäft[27]. Ein Politiker erinnert sich, wie ihn nach einer kritischen Rede ein Agrarminister ansprach: "Wenn du irgendwann auch auf Linie bist, dann sorgen wir auch für dich." Funktionäre und Manager schieben sich innerhalb dieses engen Netzwerks ihre Posten gegenseitig zu. Wer für wen lobbyiert, ist häufig unklar[28] und kann auch hier nicht restlos aufgeklärt werden.

Wer sich aber die Seiten aller Fußnoten anschaut, kann danach eine Doktorarbeit schreiben, oder ihr bzw. ihm brummt nur noch der Schädel.

Quellen und weitere Infos:
[1] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/report-hegen-und-pflegen-1.3668000
[2] http://mariannefalck.de/wp-content/uploads/2014/01/Abha%CC%88ngige-Kontrolleure-Su%CC%88ddeutsche-Zeitung-271011.pdf
[3] https://orf.at/v2/stories/2407060/2407061/
[4] https://ec.europa.eu/food/safety/food_improvement_agents/additives/re-evaluation_en
[5] https://www.heise.de/tp/features/Total-verbandelt-3438645.html
[6] der MON810-Mais ist eine der gentechnisch veränderten Bt-Maissorten. "Bt" steht für das Bakterium Bacillus thuringiensis. Dem Bt-Mais wurde ein Gen dieses Bakteriums eingebaut, wodurch die Pflanze permanent ein Insektengift produziert. "MON" steht für Monsanto, den Entwickler und Patentinhaber der Maissorte. "810" ist die firmeninterne Produktbezeichnung - https://www.keine-gentechnik.de/dossiers/mais-mon810/
[7] http://www.projektwerkstatt.de/index.php?domain_id=1&p=20311
[8] Sehr zu empfehlen und auch an anderen Stellen zitiert: https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/landwirtschaft/agrarreform/190429-studie-agrarlobby-iaw.pdf
[9] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Was-bedeutet-Greening,agrarsubventionen114.html
[10] http://www.projektwerkstatt.de/media/text/gen_filz_brosch.pdf
[11] https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/neuer-bvl-praesident-cramer-legt-wert-auf-wissenschaftlichkeit-11929232.html
[12] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/julia-kloeckner-pflanzenschutz-1.4660633
[13] (nachzulesen bei http://www.projektwerkstatt.de/media/text/download_texte_cd_gentec_btdrucksacke17_10373filz.pdf)
[14] http://www.projektwerkstatt.de/media/text/gen_filz_brosch.pdf
[15] https://lobbypedia.de/wiki/Innoplanta
[16] ebda.
[17] https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_K%C3%BChn-Institut) und noch eine am Genehmigungsverfahren zur Agro-Gentechnik beteiligte Institution
[18] der in Brüssel angesiedelte Zusammenschluss der beiden großen landwirtschaftlichen Dachorganisationen in der EU
[19] https://www.muw-nachrichten.de/bauernverbands-praesident-will-weiter-fuer-monsanto-arbeiten/
[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Rukwied?veaction=edit&section=8#%C3%84mter_und_Funktionen
[21] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/report-hegen-und-pflegen-1.3668000
[22] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/julia-kloeckner-pflanzenschutz-1.4660633
[23] https://www.geo.de/natur/nachhaltigkeit/21266-rtkl-landwirtschaft-studie-deckt-auf-so-funktioniert-die-agrarlobby
[24] NABU, a. a. O.
[25] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/landwirtschaft-was-gut-ist-fuer-die-bauern-ist-laengst-nicht-gut-fuer-deutschland-1.3564382
[26]  https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/essay-erst-kommt-die-moral-1.2850446
[27] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/report-hegen-und-pflegen-1.3668000
[28] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/report-hegen-und-pflegen-1.3668000